Erfahrungsbericht aus den Integrationskursen

Hallo zusammen,

hier nun endlich das längere Schreiben, das ich versprochen hatte. Um meine Beweggründe für den Erhalt der Integrationskurse besser zu verstehen, solltet ihr vielleicht erstmal wissen, wie ich eigentlich zu den I – Kursen bei BAMF kam.
Ich bin seit über 20 Jahren dort tätig, wo es allgemein sehr “wehtut”. Will sagen: So genannte “Problemschulen” mit hohem Migrantenanteil, CARITAS, Sammelunterkunft Asylbewerber, Analphabeten (deutsche wie ausländische), berufliche Wiedereingliederung, Gericht, Gefängnis, Polizei, Frauenhaus.
Daneben habe ich mir ein zweites Standbein mit “Deutsch am Arbeitsplatz” in Firmen geschaffen.
Daher kenne ich das (praktische) Alltagsleben unserer Migranten in allen seinen Facetten und Stolpersteinen. Das Positive wie das Negative in allen seinen Ausformungen.

Außer dem Sprachstudium Italienisch (Übersetzer) verfüge ich über Abschlüsse in einem handwerklichen Beruf (Koch) sowie eine binationale kaufmännische Ausbildung (Groß- und Außenhandel). Später kam dann noch Erwachsenenbildung an der PH dazu.

Schon während des Studiums wurde ich vom italienischen Konsulat im Rahmen des Schulkomitees bestellt, den Eltern der italienischen Schulkinder, Deutsch als Fremdsprache beizubringen. Damals musste man noch seine Zulassung beim Sprachverband und Goetheinstitut erwerben. Nachdem recht bald klar war, dass in der italienischen Gemeinde eine extrem hohe Analphabetenquote vorlag und daher kein herkömmlicher Deutschunterricht möglich war, ließ ich mich in Münster beim Alphaverband ausbilden. Heute wie damals werde ich von allen Seiten angefeindet, dass es kompletter Schwachsinn sei, was ich tue, denn:
1. Es gibt keinen einzigen deutschen Analphabeten!
2. Ein Ausländer kann niemals auf Deutsch alphabetisiert werden!
Da ich das auch noch alles mittels Vorträgen und Zeitungsartikeln “laut in die Welt trompete”, kann ich mich bei einigen Leuten stolz als “persona non grata” fühlen.

Durch meine anderen beiden Berufe, konnte ich bald auch in die berufliche Wiedereingliederung / Berufsvorbereitung einsteigen. Hier unterrichtete ich in einer Art “Kombikurs” die Leute in Deutsch, Allgemeinwissen und beruflicher Kenntnisse. Ergänzt wurde der Kurs von einer Kollegin in Mathematik, Bewerbungstraining und PC – Schulung. Zusätzliche Praktika schlossen den Kurs ab. Die Idee war vom Grunde her super.
In diese Kurse wurden die Leute vom Arbeitsamt (heute Jobcenter) geschickt. Es war dabei völlig egal, ob die Leute alphabetisiert waren, überhaupt fähig waren acht Stunden aktiv zu sein oder in der Schulung grundsätzlich eine Bedeutung sahen. Zum Beispiel konnte der Sinn unserer dualen Ausbildung kaum vermittelt werden. Warum sollte ein Migrant drei Jahre für wenig Geld arbeiten und zusätzlich in die Schule gehen, wenn er schwarz bei Verwandten oder Bekannten mehr Geld “machen” konnte. Es konnte außerdem auf sehr wenig Weltwissen zurückgegriffen werden. Aber im Gegensatz zu den herkömmlichen I – Kursen, hatten die TN wenigstens nach der Schulung einiges an praktischem Wissen zur Hand, das ihnen mehr oder weniger im (beruflichen) Alltag hilfreich war. Mit dem Wissen um Dativobjekte lässt sich bekanntlich schwerlich Geld verdienen und eine Wohnung finden.

Vielleicht habt ihr im vergangenen Jahr im Spiegel die Artikel über die “Verwaltung der Arbeitslosen und Jobsuchenden im Jobcenter” gelesen. Ich erlebte es gleichermaßen wie es dort beschrieben wurde. Nur die Besten hatten eine Chance eine Arbeitsstelle vermittelt zu bekommen. Der Rest von ihnen wird teilweise heute noch in den verschiedensten “Warteschleifen” geparkt. Sie begegnen mir immer wieder zu den verschiedensten Anlässen.

Dann kamen vor ca. 8 Jahren die VHSn mit den I-Kursen vom BAMF.
Das System der VHSn war mir damals seit Jahren durch meine Kursangebote am Abend klar. Kurse sollten sich selber tragen und nur geringe Zuschüsse benötigen um abgehalten werden zu können. Nun bei meinen Italienischkursen und Kochwerkstätten war das nie ein Problem. Ich möchte nicht wissen, wie viele Kurse ich Dank Mischkalkulation damit mitfinanziert habe. Anders war es dann schon mit dem Versuch einen Alphabetisierungskurs zu installieren. Da die Betroffenen die Kursgebühr nicht aufbringen konnten, war nach einem Durchlauf die ganze Sache beendet.
Nun also I-Kurse! Ich wähnte mich im 7. Himmel! Keine Tingelei mehr von einer VHS zur anderen. 5 Stunden am Vormittag respektive Nachmittag. Ein Traum, von dem ich bald erwachte. Die Arbeit war und ist immer noch mein Traumjob. Ich liebe es mit den Leuten zu arbeiten. Nur das ganze Drumherum wurde zu einem echten Horrortrip. Ich nenne hier einige Beispiele aus den letzten acht Jahren. Will aber dabei betonen, dass ich trotzdem in der Zeit auch das Glück hatte, zwei vernünftige und professionell geführte Schulen kennen gelernt zu haben.
• “Schulleitung” besteht aus 74 jährigem Ex-Studienrat “ganz alter Schule”, der mit mir immer gerne “Tacheles” redete, am liebsten am Wochenende per Telefon! Gab es Probleme mit den TN, waren z.B. Abmahnungen fällig, war der Typ plötzlich unpässlich und fiel mir in den Rücken.
• Obwohl die Ausländerbehörde mir ganz klar die Befugnis gab, einen extrem schwierigen TN abzulehnen, zwang mich der Alte, den nicht beschulbaren Typen weiter in meiner Klasse sein Unwesen treiben zu lassen. Gegen meinen ausdrücklichen Willen ließ er diesen vorzeitig zur Prüfung zu, und dabei sollte der Kerl selbstverständlich auch noch bestehen! Meine Weigerung dazu, führte zu heftigen Querelen über Monate hinweg.
• Der Leiter führte die Einstufungstests immer selbst durch. Ergebnis war, dass ich in einer Klasse von 22 TN von primären Analphabeten bis Akademikern alle Varianten von TN sitzen hatte. Wichtig war nur, mein Klassenzimmer voll zu stopfen um “ordentlich Kohle” einzustreichen, die dann irgendwo im Nirwana der VHS verschwand.
• Es mussten dort stets alle sechs Bücher von “Schritte” durchgeackert werden. Ergebnis: Nachdem dann die TN meiner Kollegenschaft prompt durch die Prüfung fielen, bekam ich die TN alle wieder zugeteilt. Nach “erfolgreichem Durchlauf der sechs Bücher und Prüfung” musste ich mit den total frustrierten TN den ganzen Senf von Modul 1 ab nochmals wiederholen, da nichts aber auch gleich gar nichts hängen geblieben war.
• Schulleitung und die gesamte Dozentenschaft sind keine deutschen Muttersprachler.
• Gerne leiten auch Sekretärinnen oder andere Leute aus der Verwaltung mal so nebenbei eine VHS. Sie sind ohne Ausbildung befähigt Kursangebot sowie Kursleiter abzulehnen oder anzunehmen.
• Nachdem ich im vergangenen Jahr immer noch sagenhafte 15 € bekam und dagegen protestierte, wurde eine andere Schulleitung pampig und drohte mit sofortigem Rauswurf. Kurz danach waren dann allgemein 20 € fällig.
• In einer anderen Schule (ehemaliges Fabrikgebäude) hatten wir im Winter keine 12°C im Raum, dafür im Sommer über 50°C. Ergo im Durchschnitt ganz passabel.
Usw. usw. usw

Integrationskurse und Orientierungskurse sollen in erster Linie dazu führen, dass unsere TN in Deutschland ohne fremde Hilfe zurecht kommen. Ich habe einfach keine Lust dazu, mich radebrecherisch mit einem eingebürgertem Deutschen unterhalten zu müssen oder gar für diesen dolmetschen zu müssen.
Dazu muss der Lehrplan angepasst werden. Seit der LiD Test bei uns auch gleichzeitig als Einbürgerungstest dient, muss ich mich wirklich fragen, was das dort Gelernte mit dem wirklichen Leben zu tun hat.
Beispiel: Wir kauen schön langsam das Wahlsystem in der BRD durch. Feine Sache, aber zu was dient das? Wie viele unserer TN werden irgendwann einmal ihr aktives Wahlrecht ausüben??

Nun zum traurigen und brutalem Aspekt:

Was passiert mit Menschen, die die Sprache des Landes nicht beherrschen, deren Alltagsleben immer noch von ihren patriarchalischen teils mittelalterlichen Kulturen bestimmt wird, dabei bis ins Mark traumatisiert sind wenn sie in unserem Hightech – Land stranden. Ich sage bewusst nicht “ankommen”, denn das tun sie schon seit drei Generationen nicht. Orientierung bedeutet für mich auch, dass vor allem Frauen und Kinder, die nicht Deutsch lernen dürfen und keinen Kontakt zu Deutschen haben dürfen, trotzdem erreicht werden, damit sie über ihre Rechte aufgeklärt werden. Keine von den Frauen, die ich in den letzten Jahren unterrichtete oder betreute, wusste davon. Orientierung soll praktische Hilfe geben in einem fremden Land und das schaffe ich nicht mit einem stupiden Test zum Ankreuzen!
Woher soll ein Migrant, der kein Deutsch spricht, wissen, welche Hilfen bei akuten Problemen zur Verfügung stehen. Und wenn er dann davon Kenntnis hat, kann er die erforderlichen Formulare gar nicht ausfüllen und bleibt lebenslang abhängig von Dolmetschern, im schlimmsten Falle aus der Familie.
Das betrifft die philippinische “Katalogfrau”, die vom 40 Jahre älteren Mann tyrannisiert wird, bis zur versklavten Muslima, die nie vor die Haustür darf.
Hier nur ein paar Beispiele aus der letzten Zeit. Wohlgemerkt, ich wohne nicht in Neukölln.

• Kindswegnahme bei italienischen Migranten (beide Alphas, kein Deutsch, über 20 Jahre hier, noch nie gearbeitet) – das Kind wurde von der wohlwollenden Mutter beinahe zu Tode gemästet (knapp 300kg). “Briefe öffnen sie nur, wenn Geld drin ist”.
• Teenager durch Fieberkrampf verstorben, da Mutter sprachlich nicht fähig war, den Notruf rechtzeitig abzusetzen.
• Frau aus dem Kosovo wird in der Familie des Mannes (hauptsächlich durch die Schwiegermutter) misshandelt. Als die junge Frau, die kein Deutsch lernen darf, schwanger wird, nimmt sie die Schwiegermutter zur Abtreibungsberatung, gaukelt ihr einen normalen Vorgang in der BRD vor, Frau unterschreibt und hat drei Tage später ihre Abtreibung!
• Türkische Frau wird vom ganzen Clan misshandelt, wird depressiv. Ehemann dolmetscht und lügt dabei wie gedruckt, die Frau landet vorerst in der geschlossenen Abteilung, bis endlich ein neutraler Dolmetscher gefunden wurde.
• Hochintelligentes kurdisches Mädchen (Notendurchschnitt 1,0) darf nicht auf das Gymnasium wechseln, weil der ungelernte Vater nicht will, dass das Mädchen “besser sein wird” als er.
• Albanische Frau mit kleinem Kind wird vom Mann massiv misshandelt. Kind ist hoch traumatisiert und verletzt sich selbst. Frau kann nicht dazu überredet werden Schutz im Frauenhaus zu suchen, da der ganze Clan sie sonst verfolgen würde.
• Türkische junge Frau wendet sich während des Kurses an mich, ist übersät von Blutergüssen am ganzen Leib. Nach Erstatten der Anzeige verschwindet sie für immer.
• Junge afghanische Frau kippt immer wieder im Kurs um. Durchläuft eine heftige, quälende Hormonbehandlung mit vielen Nebenwirkungen, da sie schließlich hier ist um Kinder zu bekommen, so der Mann. Dass es an ihm liegen könnte, kommt ihm gar nicht in den Sinn.

Ja und dann haben wir noch andere Migranten, denen in ihrem Heimatland die absoluten Märchen über das goldene Leben in Deutschland geschildert werden, diese lassen alles stehen und liegen und kommen hierher um extrem enttäuscht zu werden.
Aktuelles Beispiel: Ein rumänisches Ehepaar, vorher in Italien lebend, kommt hier an eine gute Hausmeisterstelle, obwohl ungelernt und ohne Deutschkenntnisse. Diese veranstalteten einen riesigen Krach beim Arbeitgeber, der mich dann zum Dolmetschen holte. Grund war: Ihnen waren 2600 € netto mit großer Wohnung nicht genug. “Schließlich kämen sie nach Deutschland um einen Berg Geld zu verdienen.”
Orientierung beginnt schon im Heimatland der Leute.

Darum mein abschließendes Plädoyer:

Integrationskurse in andere Hände, weg von den VHSn.
Lehrplan auf die lebensnotwendigen, praktischen Dinge fokussieren.
Dementsprechend alle Lehrkräfte danach ausbilden. Hier gibt es noch erhebliche Unterschiede.
Orientierungskurse so gestalten, dass sich unsere TN danach selbst in der BRD zu helfen wissen.
Last but not least:
Lehrkräfte mindestens gleichstellen mit Berufsschullehrern.

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